Keine halben Sachen

Keine halben Sachen

Philip Urban

 

Bergwacht / Rettungssanitäter

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Philip Urban

Bergwacht / Rettungssanitäter


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Logo Bergwacht Schwarzwald e.V.

Bergwacht Schwarzwald e.V.

Für mich ist es Erholung, wenn wir das Wochenende auf der Rettungswache im Schwarzwald verbringen. Die Wache liegt in Bezug auf die Schwarzwaldhochstraße B500 zwar zentral, jedoch ist man dort oben weit weg vom Alltag. Handynetz gibt es nur sehr sporadisch und Fernseher haben wir auch keinen. Man kann seinen kompletten Alltag im Tal lassen und sich nur auf die Arbeit der Bergwacht konzentrieren.

"Voll und ganz meine Welt": Über die Berge zum Rettungsdienst

Wie ich überhaupt zur Bergwacht gekommen bin, ist eigentlich eine gute Frage. Da ich in Karlsruhe wohne ist es ja nicht gerade naheliegend. So "richtige" Berge gibt es in der direkten Umgebung nicht. Dachte ich zumindest. Natürlich kann der Schwarzwald nicht mit imposanten Viertausendern dienen, aber ich hätte trotzdem nicht gedacht was für schwieriges und steiles Gelände hier vorhanden ist. Aber wie kam ich nur auf die Bergwacht? Um etwas früher anzufangen, ich habe mit 4 Jahren Skifahren gelernt und bin mit 6 Jahren in ein Rennteam gekommen und dort Wettkämpfe gefahren bis ich 16 war. Dann habe ich eine Skilehrer-Lizenz erworben. Außerdem war ich mit meinen Eltern schon immer in den Alpen im Urlaub, den ersten 3000er habe ich mit 6 Jahren erklommen. Berge sind voll und ganz meine Welt. Dann habe ich einen Ausgleich zu meinem Studium und den Stunden in der Bibliothek gesucht und mir ist die Bergwacht eingefallen, da ein früherer Skitrainer von mir auch in der Bergwacht war. Und ich hätte keine bessere Wahl treffen können. Die Bergwacht verbindet die Arbeit in schwierigem Gelände mit dem Rettungsdienst. Wobei ich den Rettungsdienst erst durch die Bergwacht kennengelernt habe. Mittlerweile habe ich in einer kleinen Pause vom Studium die Rettungssanitäter-Ausbildung gemacht. Auch meine Ausbildung bei der Bergwacht ist abgeschlossen, sodass ich jetzt offiziell Bergretter der Bergwacht Schwarzwald e.V. bin.

Manche Einsätze vergisst man nicht

Natürlich sind die Einsätze das, was einem im Gedächtnis bleibt. So zum Beispiel ein Tag im letzten Winter, an dem ich gerade zu einem kleinen Rundgang am örtlichen Skilift unterwegs war als ich den Funkspruch eines Kameraden hörte. In der Bergwacht ist es üblich personengebundene 2m-Funkgeräte mit sich zu führen. Ich bekam also die Alarmierung der Wache durch einen Kameraden mit der Meldung "Bewusstlose Person auf der Skipiste". Bei einem solchen Stichwort kann man durchaus von einem schwereren Skiunfall ausgehen. Da ich nur zu Fuß und nicht auf Ski unterwegs war musste ich durch ein kleines Waldstück und etwas den Hang hinauf um zur Einsatzstelle zu gelangen. Gedanklich habe ich mir schon wieder ins Gedächtnis gerufen, was ich die letzte Zeit gelernt hatte. SHT, Wirbelsäulentrauma, Extremitätentrauma.

Okay, Sicherung der Vitalfunktionen und Immobilisation hat oberste Priorität. Am Einsatzort angekommen, lag die inzwischen schon wieder wach gewordene Patientin regungslos im Schnee. Schlechtes Zeichen. Normalerweise versuchen Patienten aufzustehen oder sich zumindest aufzusetzen. Sie gab Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule an, was natürlich nochmal mehr zur Vorsicht aufrief. Inzwischen kamen auch schon meine Kameraden von der Wache mit dem Motorschlitten. Zur Unterstützung bekamen wir von der Leitstelle den Helikopter und einen RTW zugewiesen. Wir fingen also an mögliche Landeplätze zu suchen und zu sichern, da wir ja nicht wusste, wo der Pilot sich entscheiden würde zu landen. Nach der Versorgung durch die Rettungsassistenten des RTWs waren wir wieder gefragt, denn unsere Hauptaufgabe ist der Abtransport. Wir hoben die komplett immobilisierte Patientin in den Nachläufer des Motorschlittens. So heißt der „Patienten-Schlitten“, der vom Motorschlitten gezogen wird. Währenddessen kam die benachbarte Ortsgruppe der Bergwacht, um uns beim Absperren der Kreuzung der B500 zu helfen, da der Helikopter darauf landen wollte. Der Rest des Einsatzes ging dann schnell: Transport von der Piste zum Parkplatz, dort auf die Trage des Helikopters, dann hinein und ab in Richtung des Krankenhauses.

"Ich könnte mir keine Hilfsorganisation vorstellen, in die ich besser passen würde."

Natürlich haben wir nicht nur Einsätze im Winter. Es gibt ja auch noch den Sommer. Auch in der warmen Jahreszeit sind viele Touristen im Schwarzwald unterwegs. Vor allem Motorrad-Fahrer. Da wir direkt an der B500 unsere Wache haben und meist lange vor den RTWs aus dem Tal an einem Unfallort sein können, fungieren wir teilweise als First-Responder für Motorradunfälle. Ein prägnantes Beispiel dafür ist letzten Sommer passiert. Ein Motorradfahrer ist in einer Kurve geflogen und unter der Leitplanke hindurch gerutscht. Danach ging es ca. 20m den Abhang hinunter. Der straßengebundene Rettungsdienst hatte keine Chance den Patienten zu bergen. Wir wurden nachalarmiert und bargen den Patienten mit einer Gebirgstrage und einem Flaschenzug. Das sind Einsätze, die den schnellen und trotzdem gewissenhaften Aufbau eines komplexen Seilsystems erfordern. Genau solche Situationen sind es, die mich an der Bergwacht so faszinieren. Das Zusammenspiel im Team, die schnelle und saubere Bewältigung von schwierigen Situationen. Und natürlich das Ganze in den Bergen.
Ich könnte mir keine Hilfsorganisation vorstellen, in die ich besser passen würde.

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Christine